um die ecke gedachtUNSERE rEGENWÄLDER


 

Um die Ecke heißt in diesem Fall die Ecke um Mittel- und Südamerika, die Ecke um Zentralafrika und die Ecke bei Südostasien, denn auf diesen Erdteilen finden wir unsere tropischen Regenwälder. Bewusst gewählt ist auch das Wort „unsere“, denn die Regenwälder auf der Erde sind hauptverantwortlich für das Klima. Unsere grünen Lungen sind ein riesiger Supermarkt mit Anschluss zur größten Apotheke der Welt, ein übergroßer Schwamm und Schutzgebiet für Millionen von Tieren, Pflanzen und Menschen. Sie speichern schätzungsweise 650 Milliarden Tonnen Kohlenstoff – das ist mehr als wir in der Atmosphäre überhaupt messen können. Und wenn wir alle Wälder der Erde zusammen nehmen, dann ist nur 33% davon Regenwald, der speichert allerdings 42% des gesamten Kohlenstoffs, der global durch Wälder gespeichert wird.

DER REGENWALD


Tropische Regenwälder beherbergen die Hälfte aller an Land lebenden Tierarten, darunter auch Primaten wie Orang-Utans, Schimpansen, Bonobos und Gorillas – unsere nächsten Verwandten. Obwohl Wissenschaftler davon ausgehen, dass erst 15-35% aller Tier- und Pflanzenarten weltweit beschrieben wurden, werden jedes Jahr 1000de neue Arten entdeckt. Diese Hotspots des Artenreichtums sind übrigens auch Hotspots der Sprachen-Diversität. 70% aller gesprochenen Sprachen in der Welt werden von indigenen Völkern in unseren Regenwäldern gesprochen, die – wie wir – ihre Kultur und Identität mit ihrer Umgebung tief verwurzelt haben.

Eine Milliarde Menschen sind weltweit direkt abhängig von unseren Regenwäldern als ihr Zuhause und als Nahrungsgrundlage. Und auch wir kaufen tagtäglich ihre Früchte: Superfoods wie Acai aus dem Amazonas; Avocados, Chilis, Papayas und Süßkartoffeln, die allesamt aus Südamerika stammen; Palmöl, das ursprünglich in Afrika beheimatet ist; Bananen, Zuckerrohr und viele Gewürze, die zuerst in Austral-asiatischen Regenwäldern gefunden wurden.

Tropische Regenwälder – auch am anderen Ende der Welt – regulieren das Wetter auf globaler Ebene. Sie produzieren Wolkenformationen und Regen durch eigene kleine und große Kreisläufe, schaffen und reinigen Süßwasserressourcen und damit auch Dein Trinkwasser. Sie wandeln CO2 unter anderem in kostbaren Sauerstoff um und bringen Feuchtigkeit. Damit kreieren sie eine Atmosphäre in der wir atmen und leben können.

Ein komplexes Wurzelsystem verhindert Landrutsche, Überschwemmungen und Bodenerosion. 1 Milliarde Menschen sind angewiesen auf Heilmittel, die direkt aus unseren Regenwäldern kommen. Allein in Afrika sind 80% der Menschen von traditionellen Heilkräutern abhängig. 20-50% der modernen Pharmazie haben ihren Ursprung im genetischen Wissen aus dem Urwald. Nicht nur das, selbst die großen Krankheitsausbrüche in den letzten Jahrzehnten, siehe Ebola, SARS, Malaria, Dengue sind zahlreichen Studien nach direkt verbunden mit der schlechten Situation unserer Regenwälder. Der Verlust der Artenvielfalt führt zur schnelleren Verbreitung von Krankheitserregern und ihrer Überträger.

 

IMMANUEL KANT: ” Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgendeiner Absicht gut. Die ganze Natur überhaupt ist eigentlich nichts anderes, als ein Zusammenhang von Erscheinungen nach Regeln; und es gibt überall keine Regellosigkeit.

Bilder: Christiane Sieg

wir


 

Wir haben

 unsere Regenwälder mittlerweile auf die Hälfte ihrer ursprünglichen Größe reduziert, obwohl Studien zeigen, dass aktuelle Zahlen wahrscheinlich weit unterschätzt sind. Ein Grund dafür sind die verschiedenen Definitionen von Wald.

Wir holzen

sie ab für seltene Holzarten und machen daraus Gartenmöbel und Papier; wir holzen sie ab um Kohle, Metalle und Seltene Erden zu fördern für unsere Handys und Laptops; wir brennen sie nieder um Platz für Plantagen zu schaffen, wo Nahrungsmittelpflanzen wachsen, aus denen wiederum Biosprit hergestellt wird, um unsere „grüne CO2-Autoabgas-Emissions-Politik“ zu begründen sowie geschmeidige Cremes, Lotionen, Kosmetika und Butter zu machen. Übrigens: Wir erzeugen allein durch das Abholzen von Regenwald jährlich 11% der globalen Treibhausgas-Emissionen.

Wir nehmen 

Stück für Stück fast einer Milliarde Menschen das Zuhause, ihre Lebensgrundlage, Kultur und Identität. Wir nehmen den Wehrlosen und am Wenigsten Beachteten ihr Zuhause, nämlich Pflanzen und Tieren, was dazu führt, dass das Artensterben derzeit 1000mal schneller passiert, als es natürlich wäre.

Wir vergessen

das Potenzial unserer einheimischen Pflanzen und argumentieren lieber mit der dringend benötigten Effizienz der Ölpalme in den Tropen. Die Erklärung von einigen Wissenschaftlern, dass die explodierende Landwirtschaft – der Hauptgrund für Regenwaldabholzung – nötig sei, um mit Monokulturen die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, ist nicht tragbar. Kleinbauerntum ist erwiesen verträglicher für Menschen sowie Umwelt und steht der Effizienz von großen Plantagen in nichts nach. Ein bewussteres Konsumverhalten durch uns in den Industrieländern würde ein Wirtschaften mit einheimischen Pflanzen problemlos möglich machen.

 


SO SIEHT’S AUS IN …


SÜDAMERIKA

Der Amazonas ist unser größter Regenwald mit ca. 60% Gesamtanteil. Er produziert die Hälfte des Regens selbst und ist damit mitverantwortlich für das Wetter des gesamten Kontinents.

Die zwei wichtigsten Gründe zur Abholzung sind Viehzucht und industrieller Sojaanbau. Bis zu ¾ des Regenwaldverlustes ist allein auf Viehzucht zurückzuführen, schätzungsweise ¼ der Entwaldung auf Sojabohnen Kultur. Das meiste Soja wird dabei in Tierfutter verarbeitet und findet seine Hauptabnehmer in Europa und China.

AFRIKA

Das Kongobecken in Zentralafrika beherbergt unseren zweitgrößten Regenwald und generiert bis zu 95% des Regenfalls selbst. 90% der Bevölkerung der Region ist direkt abhängig von den Wäldern.

Hauptgrund für die Abholzung ist begehrtes Holz. Bis zu 90% aus der Republik Kongo exportierten Holzes landet in Europa. Neben Holzkohle-Gewinnung und Bergbau sind auch wachsende Städte an Waldrandgebieten Grund für das Schwinden der Wälder. Letzteres nimmt drastisch zu, da den Menschen systematisch der Zutritt zu ehemals traditionell genutzten Wäldern verwehrt wird, um Naturschutzgebiete zu schaffen.

→  Viele Studien belegen allerdings, dass Waldgebiete, die auf natürliche Weise von Einheimischen benutzt und auch gepflegt werden, gesünder und weniger anfällig für Störungen sind, als extra ausgewiesene Naturschutzzonen, die von Menschen nicht benutzt werden dürfen.


SÜDOSTASIEN UND OZEANIEN

Diese Erdteile haben den vergleichsweise kleinsten Regenwaldanteil und dennoch die größte Abholzungs- und Waldverlustrate überhaupt. Zur gleichen Zeit sind mehr Menschen von den Wäldern abhängig, als an jedem anderen Platz der Erde. Dieser Regenwald gehört zu den artenreichsten und gleichzeitig unbekanntesten Gebieten, da Wissenschaftler jährlich tausende neue Arten entdecken und vermuten, dass noch viele Arten unentdeckt sind. Die Regenwaldareale liegen über einer dicken, kohlenstoffreichen Torfschicht. Diese wird mit Abholzung freigelegt, ist leicht entzündlich und setzt bei jedem Brand Tonnen von Kohlendioxid frei.

Per Gesetz darf kein Baum im Regenwald Indonesiens gefällt werden, für Brachflächen werden allerdings reihenweise neue Palmölkonzessionen vergeben. Das ist der Grund, warum jährlich tausende Hektar Regenwald illegal brennen und somit offiziell zu Palmölplantagen umfunktioniert werden können. Diese Brände machen Indonesien zum 3. größten Treibhausgas-Emittoren weltweit – nach USA und China.

In Indonesien gehört der Wald offiziell dem Staat und die Menschen haben kein Recht die Ressourcen zu nutzen. Konzerne sowie Menschen müssen „Erlaubnis“ beantragen, die auf eine bestimmte Zeit begrenzt ist. Wohingegen in Papua-Neuguinea das Waldland den lokalen Gemeinschaften gehört, was auch in der Verfassung festgeschrieben ist. Nichtsdestotrotz schaffen beide Systeme stetig ernsthafte Konflikte zwischen den Einheimischen und der Regierung sowie Großindustriellen. Gewalt und Tod spielt bei dem Streit ums Land häufig eine Rolle und auch auf den Plantagen selbst sind Kinderarbeit, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Strafen bis hin zur Folter gängig.

Der Hauptgrund für den Waldverlust hier ist der Palmölanbau und damit einher gehen Brandrodung und illegaler Holzschlag. Indonesien und Malaysia produzieren bis zu 90% des Weltpalmöls und der Plantagenbau boomt mit der wachsenden Nachfrage nach Biosprit für die USA und Europa derzeit wieder enorm.

FAZIT

Das Ökosystem tropischer Regenwald ist essentiell um global Armut zu bekämpfen, Langzeit-Nahrungsmittelsicherheit zu schaffen und Umweltproblematiken wie Artensterben und Klimawandel aufzuhalten. Dieses Ökosystem ist der Schlüssel jeder Strategie um das Klima zu stabilisieren und deren Folgen wie Klimaflüchtlinge gar nicht erst zu generieren.

Keine Plantage oder Pflanze ist effizienter als das Ökosystem Regenwald. Auch wenn die Effizienz der Ölpalme häufig als bestes Argument angeführt wird. Viel zu selten werden die kostenlosen Services, die wir von unseren Regenwäldern erhalten und auch in Anspruch nehmen, nicht Wert geschätzt. Die vielen komplexen Vorteile können einfach nicht in Statistiken zum Einkommen oder national-wirtschaftlichem Wachstum erfasst werden.

Die Regenwälder unserer Erde arbeiten für jeden Einzelnen von uns, deshalb ist es Wert sie zu beschützen. Und dafür muss man nirgends spenden, hinfahren und wohltätige Arbeit leisten oder auf die Straße gehen. In unserer Welt entscheidet die Nachfrage der Konsumenten über die Wege, die die Industrie und Wirtschaft gehen. Konsum ist Macht. Nutze Deine Macht und entscheide Dich bewusst fürs Einkaufen mit Köpfchen – für Deine Regenwälder.

Quellen


Gesellschaft für bedrohte Völker

grida.no – GRID-Arendal (Statistiken, Publikationen)

masarang.nl/en (Stichting Masarang-Willi Smits)

Ovid – Verband der Ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (Statistiken)

Pro Regenwald.org

Pro Wildlife.org

Rettet-den-Regenwald e.V.

state of the rainforest (2014) – http://www.grida.no/publications/soe-rain-forest/

fnr.de – Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe e.V.

Stromerzeugung aus Biomasse (2015) – Deutsches Biomasseforschungszentrum